Die Verachtung der Sexarbeit macht krank

Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrter Vorstand des BVVP,

kürzlich bin ich auf den Beitrag von Herrn Stephan Alder gestoßen, den Sie veröffentlicht haben: https://bvvp.de/2020/09/07/prostitution-macht-krank/ . Ich bin als Bürgerin und Wissenschaftler bestürzt über diesen Beitrag, der die Pathologisierung und Kriminalisierung von Sexarbeitenden wieder salonfähig machen möchte und dabei auch noch mit Menschenrechten argumentiert.

Dass Prostituierte historisch schon immer als „kranke“, nicht-normale Frauen, als Menschen zweiter Klasse gesehen wurden, die „krank“ sind und deshalb eine Bevormundung brauchen, dürfte hoffentlich auch ihnen bekannt sein. Es war bei Prostitution nicht anders als bei Homosexualität und anderen Formen dessen, was man in der Vergangenheit „sexuelle Devianz“ nannte. Siehe den Text von Katja Sabisch: https://www.genderopen.de/handle/25595/1083 . Sie zeigt sehr gut, wie frauenverachtend die pathologisierende These ist, dass Prostitution Frauen zerstört.

Was Herr Alder hier propagiert, ist weder das Ergebnis einer wertfreien Auseinandersetzung mit dem vielschichtigen, hochkomplexen Thema Prostitution noch Ergebnis wissenschaftlicher Untersuchung. Vor allem die Ableitung politischer Forderungen nach einem Verbot der Prostitution aus einigen Therapien lässt sich nicht aufrechterhalten. Denn schließlich müsste man ja – bei vergleichbaren Diagnosen – sicherlich auch viele andere Realitäten verbieten, die Ehe, die Elternschaft, die Familie, Partnerschaft. Das macht aber niemand, weil wir wissen, dass dies eine sinnfreie Forderung wäre. Denn – ich denke das wissen Sie – Prostitution (und insbesondere legale Prostitution) ist sicherlich nicht die Ursache der psychischen Störungen, die Herr Alder in seinem Text nennt. Die Kriminalisierung von Sexarbeit würde lediglich das Leid verschärfen, denn sobald legale Sexarbeit nicht mehr möglich ist, sind Sexarbeitende in verstärktem Maße von Dritten abhängig, die sie ausbeuten und erpressen können.

Prostituierte sind sicher in höherem Maße Gewalt ausgesetzt: Die Forschung dazu bietet aber einen klaren Befund. Die anhaltende Verachtung und oft Kriminalisierung der Prostitution ist die Ursache dafür und Prostituierte erfahren mehr Gewalt, wo Prostitution verboten ist. Ja, auch in den Ländern, wo die Kunden von Sexarbeitenden pauschal bestraft werden.  Herr Alder begeht den Fehler, nicht zwischen Prostitution und unterschiedlichen Arbeitsbedingungen und deren Hintergründe zu differenzieren. Er fällt ein allgemeines, pauschales Urteil, das aus meiner Sicht nicht die Lösung des Problems ist, sondern im Zweifel sogar Teil des Problems.

Hochgradig unethisch und manipulativ halte ich den Verweis von Herrn Alder auf seine Tätigkeit als Psychotherapeut. Das sei der Grund, warum er sich nun für ein Prostitutionsverbot engagiert. Doch einerseits kann Herr Alder als Therapeut gar nicht wissen, wie die Realität von Sexarbeitenden aussieht, die NICHT in seine Praxis kommen und keine Therapie durchführen. Zum anderen stellt sich die Frage, ob die Patient*innen ihn gebeten haben, sich für ein Verbot einzusetzen. Denn ich komme hier leider nicht drum herum, dies als unethische Instrumentalisierung der Erfahrungen der Patientinnen zu sehen. Keine dieser Patient*innen wird sich zu Wort melden. Darüber hinaus frage ich mich, ob Herr Alder hier nicht auch schon voreingenommen Therapien durchführt. Versucht er womöglich den Patient*innen beizubringen, dass die legale Prostitution an allem Schuld ist? Offene Frage.

Jedenfalls ist mir klar: Ich möchte doch als hypothetische Patientin sicher sein, dass meine Therapeutin bzw. mein Therapeut mein Leben und meine Erfahrungen nicht instrumentalisiert, egal welches Schicksal und welche Problemlage ich mitbringe, um eigene politische Ziele zu verfolgen. Das wäre so als ob ein Therapeut Homosexualität verbieten möchte, die Erfahrungen homosexueller Patienten dafür nutzt, um Stimmung für so ein Verbot zu machen. Historisch ist das ja auch durchaus schon vorgekommen.

Nun müsste dem allem hinzugefügt werden, dass traumatische Erfahrungen (vor, während und nach der Tätigkeit in der Sexarbeit) auch stattfinden, wenn Prostitution verboten ist. Hier ist Herr Alder leider überhaupt nicht auf dem Stand der internationalen Prostitutionsforschung, die seit Jahrzehnten nachdrücklich die Legalität der Sexarbeit fordert. Die Fachwelt in Deutschland warnt ausdrücklich vor so einem Verbot: https://www.aidshilfe.de/meldung/fachwelt-warnt-sexkaufverbot

Dass Herr Alder hier nur mit Verweisen auf unwissenschaftliche Quellen argumentiert (Chrismon, Alice Schwarzer, Manfred Paulus) spricht ja an sich schon Bände.

Das erklärt auch, warum Herr Alder bestimmte Aspekte des aktuellen Prostituiertenschutzgesetzes kritisiert, wie z.B. die Tatsache, dass viele Sexarbeitende nicht krankenversichert sind, aber eine Maßnahme vorschlägt, die daran nichts ändern würde: Nämlich ein Verbot, bei dem Sexarbeitende sowieso nicht mehr als Sexarbeitende krankenversichert sein DÜRFTEN.

Es steht außer Frage, dass Prostituierte und Betroffene von Straftaten, wie z.B. Menschenhandel Zugang zur medizinischen Versorgung uns insbesondere zu Psychotherapie haben sollten. Um dies zu erreichen, ist aber kein Prostitutionsverbot nötig.

Wichtig wäre es außerdem, dass Psychotherapeuten, wenn sie eine*n Prostituierten bzw. eine Person mit Sexarbeitserfahrung als Patientin betreuen, nicht jede psychische Symptomatik auf die Sexarbeit zurückführen. Das ist nämlich das größte Problem in der aktuellen psychotherapeutischen Behandlung. Wenn doch bekannt ist, dass Prostituierte oftmals schwere Lebensläufe mitbringen, die weit vor ihrer Tätigkeit in der Sexarbeit begannen, sollte klar sein, dass eine Reduzierung der Diagnose auf die Prostitutionserfahrung nicht nur falsch sein dürfte, sondern gegenüber den Patient*innen auch unethisch.

Zuletzt möchte ich Sie auf ein Sonderheft der Zeitschrift „Sexual and Relationship Therapy“ hinweisen, wo ein respektvoller, humanerer und nicht auf derart krasse Weise pathologisierender Umgang mit Sexarbeit vorgestellt wird. https://www.tandfonline.com/toc/csmt20/34/3

Auf einer Tagung von Prostitutionsforschern im Jahre 2017 habe ich auch gehört, dass in Ländern mit Verbot, Therapeuten angeekelt zurückschrecken, sobald eine Prostituierte erwähnt, dass sie Prostituierte ist. Diese verachtende Haltung ist eine direkte Konsequenz eines Verbots – des Verbots, das Herr Alder fordert. Darüber hinaus berichten Frauen, die sowohl in Ländern mit Verbot als auch in Deutschland gearbeitet haben, dass es hier viel besser ist. Warum?

– Weil die Polizei wirklich auch unterstützt und nicht korrupt ist und sie erpresst (anders als in Ländern mit Verboten)
– Weil Sexarbeit weniger gesellschaftlich stigmatisiert ist und man auch im eigenen Umfeld darüber sprechen kann, ohne direkt pathologisiert zu werden. Die Möglichkeit, offen und angstfrei über Sexarbeit sprechen zu können, trägt zur psychischen Gesundheit bei, während die Angst, davon zu erzählen, zu sozialer Isolation und psychischen Störungen beiträgt.
– Weil hier die Arbeitsbedingungen besser sind: Man darf sich einen Arbeitsort legal mieten und ist nicht von Dritten abhängig, wie in Schweden. Man kann hier selbstbestimmt arbeiten. Das zu verbieten, wäre ein krasser Rückschritt.

Leider ignoriert Herr Alder die psychischen Konsequenzen gesellschaftlicher Stigmatisierung, Pathologisierung und Marginalisierung vollständig und fordert diese sogar in Form eines Verbotes. Ich hoffe sehr, dass dies in dieser Gesellschaft keine mehrheitsfähige Position wird, denn das wäre ein Rückschritt ohnegleichen.

Dass das von Herrn Alder vorgeschlagene „Nordische Modell“ als gescheitert gilt und nicht im Sinne der Menschenrechte, sondern ein direkter Angriff der Menschenrechte von Prostituierten ist, kann man in folgenden Studien nachlesen.

Sollten Sie den Austausch mit einer Wissenschaftlerin suchen, die sich ausgiebig mit Prostitutionspolitik befasst hat, dann wenden Sie sich doch bitte an Helga Amesberger. Das Buch ist frei verfügbar. https://library.oapen.org/handle/20.500.12657/31486

Mit besten Grüßen

Sonja Dolinsek

Amnesty International. ‘The Human Cost Of “Crushing” The Market: Criminalization Of Sex Work In Norway’, 2016 (URL: https://www.amnesty.org/en/documents/eur36/4034/2016/en/ )

Calderaro, Charlène, and Calogero Giametta. ‘“The Problem of Prostitution”: Repressive Policies in the Name of Migration Control, Public Order, and Women’s Rights in France’. Anti-Trafficking Review, vol. 0, no. 12, Apr. 2019, S. 155–71

Le Bail, Hélène, and Calogero Giametta. ‘Searching for the entrance to France’s ‘prostitution exit programme’’, in: openDemocracy 27. Mai 2019 (URL: https://www.opendemocracy.net/en/beyond-trafficking-and-slavery/searching-for-the-entrance-to-frances-prostitution-exit-programme/)

St.Denny, Emily. ‘The Gender Equality Potential of New Anti-Prostitution Policy: A Critical Juncture for Concrete Reform’. French Politics, vol. 18, no. 1, 2020, S. 153–74. doi:10.1057/s41253-020-00109-7.

Hofmann, Robin. ‘„Das Muss Jeder Wissen, Der Sich Darauf Einlässt.“ – Einige Kriminologische Anmerkungen zur Freierstrafbarkeit nach § 232a Abs. 6 StGB im Europäischen Kontext’. Neue Kriminalpolitik, vol. 30, no. 2, 2018, S. 180-188. *

Holmström, Charlotta, and May-Len Skilbrei. ‘The Swedish Sex Purchase Act: Where Does it Stand?’ Oslo Law Review, vol. 4, no. 02, Aug. 2017, pp. 82–104, URL: https://www.idunn.no/oslo_law_review/2017/02/the_swedish_sex_purchase_act_where_does_it_stand (abgerufen 5.6.2020).

Holmström, Charlotta, and May-Len Skilbrei. ‘The ‘Nordic model’ of prostitution law is a myth’, in: The Conversation, 16. Dezember 2013 (URL: https://theconversation.com/the-nordic-model-of-prostitution-law-is-a-myth-21351).

Mai, N., et al. (2014). A critique of the “report on prostitution and sexual exploitation and its impact on gender equality” by Mary Honeyball, MP. (URL: https://www.nswp.org/resource/critique-the-report-prostitution-and-sexual-exploitation-and-its-impact-gender-equality).

Raphael, Jody. ‘Returning Trafficking Prevalence to the Public Policy Debate: Introduction to the Special Issue’, Journal of Human Trafficking, 3:1, S. 1-20.

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